Kultur und Konflikte sind die beiden Pole, in deren Spannungsfeld ich ein Leben und Auskommen suche. 1978 in Dresden geboren, bekam ich als „Wendekind“ nach 1989 viel Gutes geraten. Dinge, die, wie ich heute weiß, meist in der Tat „geraten“ waren, und von Menschen stammten, die mindestens ebenso unsicher waren wie ich selbst.

Mein Weg nach „draußen“, ein Fluchtweg im besten Wortsinn, führte durch eine Uniform. Das hat mich geprägt. Schön war das selten. Aber ich habe gelernt und verstanden, dass alle Erkenntnis, die mir etwas bedeutet, aus der Differenz, aus zum Teil extremen Gegensätzen kommt. 1996 trat ich als Soldat auf Zeit in die Bundeswehr ein, wurde Gebirgsjägerunteroffizier und war im Frühjahr 1999 mit dem Ersten Kontingent der Kosovo-Force am Einmarsch in Kosovo beteiligt.

Während des Abiturs auf dem Abendgymnasium und des Studiums in Dresden blieb ich in einem gewissen Sinn uniform. Meine Hoffnung war, mir einmal mit Kunst und Literatur erklären zu können, was ich in Kosovo erlebt hatte. Mit Michael Oppermann, Bernd Stracke, Bruno Klein, Thomas Will, Helmut Mottel, Ulrich Fröschle und Kay Malcher fand ich meine ersten echten Lehrer außerhalb der Familie. Ich verdanke ihnen weit mehr, als Credit Points auszudrücken vermögen. Der individuelle Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung ist in Deutschland auch eine Frage der finanziellen Mittel – wer anderes glaubt, gibt sich einer Illusion hin. Ich verdanke der zweimaligen Förderung der Studienstiftung des deutschen Volkes – sowohl im Haupt- als auch im Promotionsstudium – Freiheit, weitreichende Unabhängigkeit, die Möglichkeit zu Forschungsreisen und zum Erwerb von Büchern und Dokumenten.

Und ein Weiteres lernte ich bei meiner Rückkehr nach Dresden: die Stadt, aus der ich 1996 zum ersten Mal aufgebrochen war, gab es nicht mehr. Ich war heimatlos geworden. Zuerst hat mich das erschreckt. Heute empfinde ich es als Glücksfall. Ich kann überall eine Heimat haben und wünschte, jeder Mensch hätte dieses Privileg. Eine Heimat fand ich in den Semesterferien in Einsätzen als Soldat und Offizier in Kosovo und Afghanistan; in Serbien, Kroatien, Bosnien und Herzegovina und wiederum in Kosovo, wo ich für meine Dissertation forschte und lebte; und schließlich in Nigeria, wo ich drei Jahre danach gelebt habe. Die ursprünglichste und unmittelbarste Erfahrung eines [schützenden] Raumes ist das Licht einer Kerze, hat mir der Architekt und Architekturtheoretiker Thomas Will einmal gesagt. Das bereits bedeutet Heimat für mich. Wie recht Thomas damit hat, wird ihm jeder Soldat gern bestätigen.

Im Herbst 2016 wurde ich mit meiner Arbeit zur Kulturerbezerstörung in den Kriegen in Kroatien, Bosnien und Herzegovina und Kosovo an der Technischen Universität in Dresden promoviert. Ich habe in verschiedenen Ländern und Einsätzen für die Bundeswehr (Kosovo und Afghanistan), die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (Nigeria) dokumentarisch und analytisch gearbeitet. Ein weiteres großes Privileg, für das ich dankbar bin. Am wichtigsten ist mir heute die Erfahrung von Differenz – Heimat- und Ortlosigkeit, Individualität und individuelle Perspektiven, (produktiver) Dissens.

Bei meiner Forschung lasse ich mich von persönlichen Erfahrungen leiten. Ich möchte möglichst nahe an dem lernen, was ich erlebe. Wissenschaft ist für mich die schwierig und nur selten zu bewältigende Aufgabe der Distanznahme bei gleichzeitiger Involviertheit. Die Schwerpunkte meiner Arbeit bilden Identität und Gedächtnis, Kultur, Erbe und Konflikte, Angst, Militär und Sicherheitskräfte weltweit sowie Sicherheitskonzepte in Organisationen und Institutionen.

Ich bin nun mit einigen kurzen Unterbrechungen seit 1999 in der Welt unterwegs. Mit meiner „Heimat“ Deutschland verbinden mich Freundschaften, Natur und ein Wertekanon, präsent im deutschen Grundgesetz, dessen erster Artikel für mich die Grundlage allen Handelns darstellt. Ich akzeptiere die Identifikation anderer mit Deutschland auch darüber hinaus. Ich selbst jedoch möchte gern Europäer sein, im besten Fall Weltbürger, doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Das “Deutsche” als Kategorie der Identifikation ist für mich jedenfalls nicht ausschlaggebend. Menschenrechte sind universal. Der regelmäßige Dienst als Offizier der Reserve der Bundeswehr bedeutet mir viel. Mehr als zwei Jahrzehnte verbinden mich nunmehr mit der “Truppe”. Ich habe in dieser Zeit Erfahrungen gesammelt, die mich geprägt haben; habe Menschen getroffen, die einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Ich sehe meinen Dienst in der Bundeswehr als Dienst an einer demokratischen Gesellschaft, die ich mir wünsche, die noch zu erreichen ist. Selbstverständlich sind wir immer denkbar weit vom Ideal entfernt, doch erstens ist die Truppe viel besser als ihr Ruf und kann zweitens nur so gut sein wie die Individuen, aus der sie besteht.

Für den Augenblick habe ich eine Heimat in Sarajevo gefunden. Hier lebe und arbeite ich. Die besondere Würde und Schönheit des Landes und seiner Menschen ist nur in vielen Texten zu beschreiben, am besten jedoch individuell zu erfahren. Ich bewundere beide aufrichtig.